DIÖZESANVERBAND BERLIN

„Frischer Wind in die Kirche“

Einen eigenen Wortgottesdienst feierten Frauen vom Aktionsbündnis Maria2.0 und der katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) vor den Stufen von St. Matthias in Berlin. Während und nach der Priesterweihe demonstrierten sie für mehr Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche. Glückwünsche - auch für Erzbischof Heiner Koch zu seinem 40. Weihetag und Geburtstag - und eine weiße Rose gab es für ihn und die fünf Neupriester.

„Frauen ist es in der katholischen Kirche immer noch nicht möglich, ihr spirituelles Wirken voll auszuleben“, schrieben die Demonstrantinnen zu den Glückwünschen für die fünf Neugeweihten. „Und damit beschneidet sie sich selbst täglich sehr schmerzhaft. Sie verliert sichtbar ihre weltliche und spirituelle Bedeutung. Die Menschen verlieren damit auch einen wichtigen Weg zu Gott und zu anderen Menschen.“

Die Demonstrantinnen wollten mit ihrer Aktion „frischen Wind in die Kirche“ bringen; doch eilten die Neupriester nach dem Weihegottesdienst schnell an ihnen vorbei in die Sakristei. „Ohne Weihen für UNS seid IHR dem Untergang geweiht“, hatte eine junge Frau auf ihr Plakat geschrieben. Auf einem anderen Plakat stand: „Alle Menschen sind gleich. Vor Gott, vor Gericht, nicht in der kath. Kirche.“

„In Christus seid ihr alle eins" war das Motto der Wort-Gottes-Feier. Mit selten vorgetragenen biblischen Lesungen sollte auf ungewohnte Weise „das Feuer der biblischen Botschaft neu entfacht“ werden. Der Abschnitt aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Galatien gipfelt in der Aussage: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid eins in Christus Jesus.“

Im Johannesevangelium bekennt Marta: „Ja, Rabbi, ich glaube, dass du der Messias bist, der Erwählte Gottes, der in die Welt kommt.“ Dieses Messiasbekenntnis einer Frau steht nach Meinung der Demonstrierenden dem des Petrus in nichts nach.

Im Gebet erinnerten die Frauen daran, dass durch Taufe und Firmung Männer und Frauen gleich- und vollberechtigte Mitglieder der Kirche seien. „Durch partnerschaftliches, gleichberechtigtes Miteinander in allen Diensten und Ämtern können sie an der Erneuerung und Zukunft der Kirche mitarbeiten.“ Dafür erbaten sie sich Kraft und Zuversicht.

Gemeinsam bekannten sie: „Wir glauben an eine Kirche, die als Gemeinschaft die Kraft zur Erneuerung und zu grundlegenden Reformschritten hat.“ Dazu sollten „nach vielen Worten nun Taten folgen“. Denn wenn eine Frau den Jüngern als Apostelin vorausging, sollten Frauen auch zur Apostelnachfolge gerufen sein.

Walter Plümpe, 13.06.2020

Fünf Männer wurden heute in St. Matthias zu Priestern geweiht. Und Frauen? Leider nein. Aber die trafen sich vor der Kirche und forderten die volle Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der Kirche sowie den Zugang von Frauen zu allen Diensten und Ämtern in der Kirche. Denn es ist keineswegs nachvollziehbar, dass den Frauen auf Grund ihres Geschlechts Dienste und Ämter verwehrt werden. Sie sind ebenso Ebenbild Gottes wie die Männer, deshalb kommen ihnen die gleiche Würde und Rechte zu. Eine Benachteiligung darf es nicht geben. Das drückten die mitgebrachten Plakate sehr deutlich aus.

Der stille Protest der Frauen begann mit einem Gottesdienst vor dem Haupteingang der Kirche. Texte der Bibel belegen, dass Jüngerinnen Jesu nachfolgten bis zum Kreuz und dass sie als Apostelinnen das Wort Gottes verbreiteten und Gemeinden leiteten.

Die Frauen wareteten gedulig bis zum Ende der Priesterweihe vor der Kirche. Sie weckten die Aufmerksamkeit der Passanten, denn es war Markttag, und kamen mit ihnen ins Gespräch. Den Neupriestern übermittelten sie ihre Glückwünsche und gratulierten dem Erzbischof zu seinem 40. Priesterjubiläum und zu seinem Geburtstag. Mögen sie offen sein für die Anliegen der Frauen, sonst sind die Kirchen in Zukunft so leer wie zu Coronazeiten.

Angelika Streich

Gottesdienst in Corona-Zeiten

Seit Monaten erleben wir auf Grund der Coronapandemie, wie unser Leben durch einen unbekannten Virus beeinträchtigt wird. Vieles war und ist plötzlich anders: keine Veranstaltungen mehr, keine Kontakte, immer schön zu Hause bleiben, Abstand halten, Masken tragen, und, und... Auch alle Gottesdienste wurden abgesagt. Mit viel Kreativität wurden verschiedene Formen gefunden und angeboten,so dass wir auf Gottesdienste nicht verzichten mussten. Einige kfd-Frauen haben ihre Erfahrungen wie sie Gottesdienst er- bzw. gelebt haben, aufgeschrieben:

Inge L.

Ich habe die Sonntagsgottesdienste am Computer oder Fernsehen mitgefeiert und kräftig mitgesungen. Ansonsten bestand mein "Gottesdienst" im Unterstützen und Ermutigen von Frauen, die verzagt waren. Auch dürfte ich die Schutzmasken der kfd-Nähaktion aus Marienfelde und Lankwitz nach Rudow transportieren und war froh, dass ich nicht nähen musste. Während des Fastenmonats Ramadan hatte ich jeden Abend mit meinem Mitbewohner Saheb beim Fastenbrechen interreligiöse Gebete und Gespräche.

Unsere Gruppe "Bibel Teilen" in der Gemeinde Vom Guten Hirten entschied sich spontan, das Bibel Teilen draußen "auf dem Wege" zu begehen. Wir beteten auf dem Kirchplatz, hörten das Sonntagsevangelium und "teilten " es zu zweit bei einem Spaziergang um den Klosterteich.

Der Geist weht, wo er will!

Ursula S.

In unserer Gemeinde Vom Guten Hirten haben es junge Erwachsene und unser Pfarrer möglich gemacht, jeden Sonntag eine Youtube – Übertragung eines Gottesdienstes aus unserer Kirche zu senden. Das war sehr schön und viele Gemeindemitglieder haben so doch gemeinsam Gottesdienst feiern können. An einem Sonntag wurde auch ein ökumenischer Gottesdienst aus der evangelischen Dorfkirche in Berlin Lankwitz mit der dortigen Pfarrerin und unserem Pfarrer im ZDF übertragen.

Da an den bisherigen Sonntagen nur je Heilige Messe 50 Personen teilnehmen durften, wurde auch noch der Gottesdienst um 11.00 Uhr über Youtube zur Entlastung angeboten. Als noch keine Gottesdienste stattfinden durften, hatte unser Pfarrer jeden Tag von 16.00 – 18.00 Uhr die Kirchentür für ein stilles Gebet geöffnet. Das wurde auch gut angenommen.

So langsam werden ja die Vorschriften etwas gelockert, evtl. besteht ja dann auch wieder die Möglichkeit sich mit den kfd-Frauen zu treffen?? Warten wir es ab.

Edeltraud

Es war schon, als wäre die Zugbrücke hochgezogen, wie vor Jahrhunderten, als die Pest oder andere Seuchen die Menschen heimsuchten und belagerten.

Natürlich hinkt der Vergleich, aber ein unsichtbarer Feind setzt zu, bringt das Gemüt durcheinander.

Mein Mann und ich haben den Garten umgekrempelt, neu gestaltet, bis das Kreuz sich meldete.

Und sprituell wurden wir nicht zum Selbstversorger durch die bewegenden Gottesdienste im Fernseher. Da saßen bei mir die Tränen, wenn der Geist spürbar über allem war.

Dieses erzwungenes Innehalten machte viel mit mir. Es gab eine Reihe von Büchern, die gelesen werden wollten.

Meine Kinder baten darum, meine Erinnerungen an das Kriegsende, als damals sechsjährige endlich aufzuschreiben, was geglückt ist.

Pfingsten sind wir abgerückt nach Brandenburg mit einem Gedicht von Friedrich Rückert, um zu feiern.

"Zu Pfingsten sang die Nachtigall als ob sie Tau getrunken

Die Rose hob beim hellen Schall das Haupt das ihr gesunken

O kommt ihr alle trinkt und speist Ihr Frühlingsfestgenossen

Wo übers irdisch Mal der Geist des Herrn ist ausgegossen "

Bis zum hoffentlich baldigen Wiedersehen.

Doris Sch.

Vom 11.03. bis 10.05.20 war ich zur Reha in Bad Gottleuba in Sachsen. Ich hin dankbar, dass ich ausgerechnet in dieser Hochphase von Corona dort sein könnte. Dankbar bin ich auch für die vielen guten Gottesdienstangebote im Fernsehen, besonders die ök. Gottesdienste aus meiner Wahl-Heimatgemeinde Maria Regina Martyrum.

Erstaunt war ich, dass ich die Kommunion so wenig vermisst habe! Mein Bedürfnis nach Gottesdienst war gross! Gemeinsam singen und beten war mir sehr wichtig! Am Karfreitag verstarb dann auch noch überraschend mein Chorleiter Johannes an Komplikationen nach einer Blinddarm OP. Wie könnte/sollte ich Ostern feiern?

Da treffen von mehr als 2 Personen zu der Zeit auch bei uns in der Klinik verboten waren, habe ich mich mit nur zwei weiteren Mitrehabilitanten zur Feier der Osternacht am Ostersonntag Morgen um sechs Uhr verabredet.

Ich habe die Andacht (Christus-Ikone, die Osterkerze, weitere Osterkerzen, Weihwasser im Fläschchen, Lieder, Gebete, Texte) vorbereitet. Letztlich waren wir dann zu fünft im Raucherhäuschen auf dem wunderschönen Gelände der Klinik. Es war eine sehr bewegende Osterandacht. Keiner hat es bereut, so früh aufgestanden zu sein. Zum Schluss sangen und tanzten wir "Oh happy day" auch im Gedenken an Johannes, meinen verstorbenen Gospelchorleiter. Wir zogen singend und tanzend mit unserer Osterkerze übers Gelände zum Frühstück, erregten viel Aufmerksamkeit und riefen immer wieder: "Freut euch, Jesus lebt!" Viele waren traurig, weil sie gerne dabei gewesen wären.

Mein Fazit aus der gottesdienstlosen Zeit:

Mit kommt es nicht mehr so sehr auf die Eucharistiefeier und den Kommunionempfang an. Das "Wort Gottes" ist mir viel wichtiger geworden. In der Bibel heißt es:

"AM ANFANG WAR DAS WORT UND DAS WORT WAR BEI GOTT ...."

Ich freue mich dann um so mehr, wenn ich wieder einen "guten" Gottesdienst mit Eucharistiefeier erleben darf! Einen Gottesdienst von einem Priester mit einer Predigt "ohne Sinn und Verstand " bin ich nicht mehr bereit zu ertragen, nur weil er ein "geweihter Mann" ist! Da werde ich zukünftig aufstehen, widersprechen oder protestierend den Gottesdienst verlassen.

Ich schäme mich inzwischen für Christen, die den Empfang der Kommunion über das Wort Gottes stellen! Das muss sich in unserer Kirche ändern!

Fronleichnam 2020

Anne B.

Ich war anfangs fast etwas erschlagen von der Fülle der Angebote im Internet. Eine Fülle von Übertragungen, Live-Streams etc. Bei manchen Sachen habe ich mal reingeschaut, um zu gucken, wie das so ist, bei anderen habe ich es gleich sein lassen. Live-Streams von Privatmessen habe ich mir gar nicht angeschaut. Und auch später kaum mehr Gottesdienste im Internet angesehen – eher im Fernsehen.

Ich habe auch von Freund_innen und Bekannten Links zu Gottesdiensten zugesandt bekommen, das war auch dann das Besondere in dieser Corona-zeit: ich hätte über das Internet auch an einem Gottesdienst in Freiburg oder woanders teilnehmen können. Aber nach meiner Einschätzung sind die Live-Streams und Online-Angebote hauptsächlich etwas für die eigene Gemeinde. Von unserer Gemeinde gab es keine Gottesdienste im Internet, aber ich merke, wie ich mich gefreut habe, als es eine Sonntagsmail von unserem Pfarrer gab. Und beim ersten Gottesdienst nach Corona habe ich das auch als das besondere und schönste empfunden: wir können wieder in unserer Gemeinde zusammen sein. Und das sind zum Teil Leute, mit denen mich nichts anderes verbindet als die Zughörigkeit zur gleichen Gemeinde, ich bin mit ihnen über die Gemeindeaktivitäten hinaus nicht befreundet o.ä.

Ich fand die Ökumenischen Gottesdienste im rbb wirklich sehr gut. Durch die ökumenische und interreligiöse Beteiligung ist eine Gemeinschaft entstanden, die für mich teilweise, die begrenzte Anzahl der Gottesdienstfeiernden wieder aufgehoben hat. Schade, dass es dann ausgerechnet zu Karfreitag und Ostersonntag keine ökumenischen Gottesdienste gab. Das wäre aus meiner Sicht ein deutliches Zeichen gewesen: das höchste Fest der Christenheit wird ökumenisch gefeiert.

Einmal habe ich mir in Internet auch eine Wortgottesfeier der kfd von Ulrike Goiken-Huismann und Monika Altenbeck angeschaut. Das war inhaltlich ein guter Gottesdienst, aber nur zwei Frauen zu sehen, das war für mich dann irgendwie doch kein Gottesdienstgefühl. Es gab aber von der kfd auch Vorschläge für Gottesdienstfeiern zuhause, wir haben unsere familiäre Gründonnerstagagape nach diesem Vorschlag gefeiert, das fand ich einen sehr gelungenen Gottesdienstvorschlag.

An den Kar- und Ostertagen haben wir als Familie Hausgottesdienste gefeiert. Das war sehr schön. Ich habe gemerkt, dass meine Kinder im Gottesdienstfeiern zuhause sind, so dass das gut möglich war, obwohl es mit jugendlichen Kindern sonst vielleicht auch „peinlich“ ist zusammen Gottesdienst zu feiern.

Ich habe eher die persönliche Gemeinschaft in einer Gottesdienstgemeinde vermisst als die Eucharistie.

Und es beeindruckt mich, dass mein Studienfreund, der Pfarrer am Bodensee (Diözese Freiburg) ist, mir schrieb, dass sie dort nach Besprechung mit den Gemeindeteams erst mal bis zum Dreifaltigkeitssonntag Wortgottesfeiern gefeiert haben und keine Eucharistie. Und diese Wortgottesfeiern hat (vermutlich nicht alle, aber einen großen Teil) der Pfarrer gefeiert. Das finde ich ein gutes Signal, dass Priester nicht nur für Eucharistie zuständig sind. Er schrieb mir, dass z.B. der Gottesdienst zum Patrozinium meiner Heimatgemeinde durch die musikalische Gestaltung des Kirchenmusikers und seiner Frau (Gesang) sehr festlich war. Auch von einer Gemeindereferentin aus Ulm habe ich gehört, dass dort nicht gleich wieder mit Eucharistiefeiern begonnen wurde.

 

Weitere sehr interessante Erfahrungen können Sie nachlesen unter link sowie Interview mit Schwester Susanne Schneider

75 Jahre Kriegsende

In diesem Jahr wurde am 08. Mai an das Ende des 2. Weltkrieges vor 75 Jahren erinnert. Trotz Corona fanden zahlreiche Verantaltungen, Kranzniederlegung, Gottesdienste, Glockenläuten Friedensgebete statt, ohne Beteilung von Zeitzeugen und Publikum.

 

Einige kfd-Frauen, die vor 75 Jahren das Ende des Krieges als Kinder erlebt haben, erinnern sich.

Ulli Klerx

Vor 75 Jahren Erste Heilige Kommunion

Erinnerungen an den April 1945

Eigentlich sollten wir 7-jährigen Zwillinge erst 1946 zur Erstkommunion gehen - aber unsere Eltern änderten ihren Entschluss. Mit unserer ein Jahr älteren Schwester, die schon lange zum Erstkommunionunterricht ging, wurden wir in nur zwei Wochen auf dieses Fest vorbereitet. Unsere Eltern befürchteten nämlich, dass die immer stärker werdenden Luftangriffe uns töten würden. Sie meinten, dass wir Kinder dann - durch die Erstkommunion - als Engel sterben würden.

Unsere Oma war Schneiderin und nähte aus Fliegerseide die weißen Kleider für uns drei Mädchen. - Diese Seide hatte eine stumpfe und eine glänzende Seite. Die glänzende Seite wurde nach innen genäht, damit uns die Flugzeuge nicht „orten“ konnten. Die Kirche St. Josef in Tegel lag in Schutt und Asche. Der Pfarrer wurde verschüttet und konnte lebend geborgen werden. Provisorisch wurde die 1. Etage einer Tischlerei als Notkirche hergerichtet.

Der Weiße Sonntag, der 8.4.1945 kam und die hl. Messe konnte ungestört gefeiert werden. Kurz vor dem Segen riefen plötzlich Männer: „Sofort den Raum verlassen. Die Wände und der Boden knistern.“ Alle stürmten aus dem überfüllten Raum die Treppe hinunter. Zum Glück brach das Haus nicht zusammen. Am Nachmittag gab es Fliegeralarm. Mit Kirschtorten hasteten wir in den Luftschutzkeller, wo schon viele Nachbarn saßen. Sie waren der Meinung, mit uns drei Engeln könnte uns allen nichts passieren. Und so war es auch.

Vierzehn Tage später wurde unser Opa vor seinem Haus von den Russen erschossen. Er schleppte sich noch in den Keller und starb mit dem Rosenkranz in der Hand…

In einem schnell gezimmerten Sarg wurde er auf einem Leiterwagen zur zerbombten Kirche gefahren. An der Außenmauer der Kirche wurde unser Opa begraben. Wir drei Mädchen begleiteten ihn mit unseren weißen Kleidern auf seinem letzten irdischen Weg.

Der süße Duft der blühenden Kirsch- und Apfelbäume blieb in meiner Erinnerung hängen.

Jeder April erinnert mich daran, dass Tod und Leben zusammengehören - aber das Leben siegt.

Am 27. Dezember 1948 wurden meine Zwillingsschwester und ich im Alter von 11 Jahren in einem Rosinenbomber ausgeflogen. Wir kamen in ein kleines Eifeldorf. Meine Schwester kam zu einer Lehrerfamilie, ich zu einer Familie, die ein kleines Lebensmittelgeschäft betrieb. Uns ging es dort gut. Im Juli 1949 kehrten wir nach Berlin zurück. Im Juli 1965 habe ich den Sohn des Lehrers geheiratet.

 

Gertraud Tochtermann

Erinnerungen an das Kriegsende 1945

Im Mai 1945 war ich 7 ½ Jahre alt. Das Kriegsende habe ich nicht in Berlin verlebt, sondern mit meiner Mutter und meinen zwei jüngeren Geschwistern in einer kleinen Stadt im damaligen Sudetengau, in Deutsch-Gabel. Meine Mutter ging 1943, als die Bombenangriffe in Berlin immer gefährlicher wurden mit uns in ihre Heimat zurück. Mein Vater war im Kriegsdienst

Der Krieg war für uns auf einmal weit weg. Bombenangriffe gab es dort nicht. Wir konnten nur die feindlichen Jagdflieger am Himmel beobachten, und noch heute fällt mir das sofort wieder ein, wenn ich Kormorane fliegen sehe. Als Dresden im Februar 1945 brannte, konnten wir den Feuerschein sehen. Die „friedliche Idylle“ war vorbei, als im Frühjahr „feindliche“ Truppen, erst Polen, dann Russen durch die Stadt zogen und mit ihnen viel Unheil. Wir sind noch gut davon gekommen, weil meine Mutter ihre Kinder um sich versammelte und kleine Kinder eine gewisse Schranke waren und Schutz boten. Außerdem konnte meine Mutter tschechisch sprechen und sich daher auch mit den Polen und Russen verständigen, was eine große Hilfe war. Ich erinnere mich noch daran, dass ein Russe von meinem Onkel, bei dem wir wohnten, eine wertvolle Taschenuhr für sich einforderte, dass auf der Straße tote Pferde lagen, wo die Menschen sich Fleisch holten (Nahrungsmittel waren ja knapp) und dass im Nachbarhaus „Schreckliches“ passiert sein sollte. Ich erinnere mich, dass ich oft Angst hatte.

Als dann die Tschechen die Stadt in Besitz nahmen, begannen die Massentransporte. Die deutschen Einwohner mussten die Stadt verlassen, viele Menschen starben. Meine Mutter, die einen tschechischen Vater vorweisen konnte, erreichte für uns eine längere Bleibefrist. Mein Vater kam zurück, er hatte es geschafft, sich zu uns durchgeschlagen. Er machte sich dann nach Berlin auf, um für uns eine Unterkunft zu suchen, weil wir in den letzten Kriegstagen durch deutsche Granaten „ausgebombt“ worden waren. Er kam unbeschadet und rechtzeitig zurück. Im Juli 45 konnten wir den Rückweg nach Berlin antreten.

Per Pferdewagen ging es zur deutschen Grenze bei Zittau und weiter mit der Bahn, in Viehwaggons, Kohlewagen und Loren nach Berlin. Für mich war das eine Fahrt voll Angst und Schrecken: die Waggons dicht gedrängt voll Menschen, viele „Haltestellen“, an denen durch fremde Soldaten „kontrolliert“ wurde. Oft wurde meine Mutter vorgeschickt, um mit jenen zu reden und größeres Unheil abzuwenden. Dafür bewundere ich sie noch heute. Viel Angst hatte ich auch, wenn meine Vater bei Halten der Bahn wegging, um etwas zu essen für uns zu besorgen, Angst, dass der Zug ohne ihn weiterfahren würde. Es ging aber immer gut. Ich sehe mich noch hoch oben, auf Kohlestücken sitzend, begeistert rohen Blumenkohl essend.

Sieben Tage dauerte die Fahrt, (meine Erinnerung). Dann kamen wir endlich gegen Abend in Berlin an, wahrscheinlich Schlesischer Bahnhof (heute Ostbahnhof). Wegen der Ausgangssperre 19:00 Uhr mussten wir schnell eine Bleibe finden. Bei einer Tante, die in erreichbarer Nähe wohnte, fanden wir Unterschlupf. Wir zogen mit 5 Personen und einem Leiterwagen voll Gepäck in eine 1-Zimmer-Wohnung zu ihr. Am nächsten Tag ging es zu Fuß quer durch Berlin zu unserer „neuen Wohnung“, ebenfalls nur 1 Zimmer, Toilette eine halbe Treppe tiefer. Die lange Abenteuer-Reise nach Berlin mit all meinen Ängsten war mein einschneidendstes „Kriegserlebnis“ und hat vieles verdrängt, was ich in Deutsch-Gabel erlebt habe, auch einmalige Ereignisse wie meine Einschulung oder die Feier der Erstkommunion.

Maria Lulkiewicz

Meine Befreiung in Johannisthal
1945 war ich sechs Jahre alt und lebte in Berlin. In den letzten Kriegstagen war meine Mutter mit drei Kindern Tag und Nacht  im Bunker. Das war wie im Wartezimmer: eng, dunkel und langweilig. Einmal verließ meine Mutter mit mir den Bunker, um nach Hause zu laufen. Die Straße war menschenleer, als Tiefflieger über uns brausten. Fest an der Hand meiner Mutter, warfen wir uns auf den Boden. Meine Mutter war voller Angst. Es blieb der einzige "Ausflug" aus dem Bunker.
Endlich gingen die großen Bunkertüren auf. Die Menschen strömten nach draußen. Dort erwartete uns ein Spalier von Sowjetsoldaten. Ein großer, schlanker Soldat schenkte mir eine Packung Kekse. Das war meine erste Begegnung mit einem Russen.
Die zweite Begegnung folgte bald. In unserer Straße lagerte eine große Gruppe Soldaten. Einer kam in unseren Garten und sagte: Sie haben 10 Minuten Zeit, nehmen sie, was sie brauchen und verlassen sie das Haus. Freundliche Nachbarn haben uns aufgenommen. Der Koch der Truppe brachte uns jeden Tag eine Riesenschüssel Suppe. Nach 2 bis 3 Tagen kam der Marschbefehl und wir konnten wieder nach Hause. Auf dem Küchentisch sah es nach schnellem Aufbruch aus und seitdem zierte unseren Haushalt ein Messer mit dem Aufdruck "Hotel Adlon" -
Die Zeit ohne Bomben, ohne Bunker und in Vorfreude auf die Einschulung war wunderbar.

Ursel Wenzel 

1945 in Berlin

1938 wurde ich in Berlin Lichtenberg geboren.

Als Anfang 1944 die Bombenangriffe auf Berlin immer öfter und stärker wurden, brachten mich meine Eltern zur Cousine meiner Mutter nach Buckow bei Beeskow in die Mark Brandenburg. Hier wurde ich dann auch im Herbst 1944 in einer Ein-Klassen-Schule eingeschult. Diese Schule bestand aus einen Raum mit ansteigenden Sitzreihen, in dem alle Jahrgangsstufen gleichzeitig parallel von einem Lehrer unterrichtet wurden.

Als die Front immer näher kam, etwa nach einem halben Jahr, holten mich meine Eltern aus Sorge vor einer eventuellen Trennung durch die Kriegseinwirkung zurück nach Berlin und ich wurde in Berlin Baumschulenweg ein 2. Mal eingeschult. Wegen der zunehmenden Fliegerangriffe auch am Tage wurde der Schulweg von Tag zu Tag immer gefährlicher.

Wir hatten große Angst vor den ständigen Tieffliegern, die auf alles schossen, was sich bewegte.

14 Tage vor Kriegsende wurde mein Vater noch eingezogen. Er kam aber nur bis Frankfurt/Oder und von dort für 2 lange Jahre in Gefangenschaft nach Sibirien.

Viele Menschen hatten in dieser Zeit Angst, packten ihre Habe auf einen kleinen Handwagen und machten sich auf den Weg zu anderen Verwandten, oder einfach nur in Richtung Westen.

So überlegten auch wir, es den anderen gleich zu tun. Ich wehrte mich mit Händen und Füßen und wohl auch mit mörderischem Geschrei. Wir blieben.

Der Verlust unserer gesamten Habe, schlimme Fluchterfahrungen und vielleicht auch der Tod durch Verhungern blieben uns dadurch erspart.

In den letzten Kriegstagen rückten die Familien noch mehr zusammen und so zogen meine Mutter und ich zu den Großeltern nach Berlin Johannisthal.

Währen der Fliegerangriffe machten wir uns nur einige wenige Male auf den Weg in den Bunker Dieser war ca. 3km entfernt und oft reichte die Alarmzeit nicht aus, um ihn vor Beginn des Angriffes zu erreichten. Wer zu spät kam, stand vor den verschlossenen Türen des Bunkers.

Weil die Erwachsenen glaubten, der im Haus befindliche Luftschutzkeller sei bei einem Bombentreffer nicht sicher, baute sich die Bewohner eines Teils unserer Straße einen provisorischen Luftschutzraum unter der Straßenbrücke, die über einen kleinen, ausgetrockneten Abwasserkanal führte. Dieser Raum bestand aus einem großen Rohr, hatte einen Durchmesser von ca. 1,20 m und war von der Erwachsenen nur in gebückter Haltung begehbar. Da lagen dann alle Bewohner dicht bei dicht auf Matratzen nebeneinander und versuchten ihre Angst zu verbergen.

Kein Mensch hatte etwas dagegen, dass ich mit einem Holzhund und mit unserer ängstlichen Katze unterm Arm erschien.

Viele bange Minuten und Stunden verbrachten wir dort. An manchen Tagen und Nächten mussten wir 4 bis 5 x in diesen Luftschutzraum.

Dann hörten die Bombenangriffe mit einem Mal auf.

Man sagte, das Kriegsende rückt näher. Keiner wusste, was das für uns hieß.

Gemeinsam gingen wir in die hauseigenen Luftschutzkeller, die mit Betten und Liegen ausgestattet wurden je nachdem, was jeder hatte. Dort kampierten wir dann und harrten gemeinsam der Dinge, die da kommen würden.

Aus der Ferne hörten wir eine im Gleichschritt marschierende Kolonne – das waren die abziehenden deutschen Soldaten und dann kamen die Russen.

Alle jungen Frauen verbargen sich aus Angst vor ihnen unter der Bettdecke. Die alten Frauen und wir Kinder schauten neugierig auf die russischen Soldaten, die da plötzlich in unserer Kellertür standen.

Wir freuten uns über ihre Botschaft, dass der Krieg nun aus sei. Diese Botschaft brachte uns ein Offizier, der uns auch gleichzeitig versicherte, dass seine Soldaten niemandem etwas tun würden. Gäbe es Beschwerden sollte wir uns bei ihm melden.

Kurz darauf stellte meine Großmutter fest, dass ein Soldat in unserem eigenen Keller eingedrungen und dabei war alle ersparten Vorräte, die wir dort hatten, zu stehlen. Meine Großmutter ging zu dem Offizier und berichtete ihm davon. Wenig später hörten wir einen Schuss.

In die Wohnung meiner Großeltern quartieren sich Mongolen ein. Meine Mutter musste für sie kochen und dafür bekamen wir Lebensmittel.

Langsam wagten wir uns auf die Straße. In unserer Gegend war nichts zerstört aber in den ersten Tagen lagen auch hier Leichen auf der Straße und man versuchte uns Kinder von diesem Anblick fernzuhalten.

In den ersten Wochen nach Kriegsende war es sehr schwierig an Essen heran zu kommen und so machten sich meine Mutter und mein Großvater täglich auf den Weg zum Bahnhof Berlin Schöneweide, wo immer wieder Güterzüge mit Lebensmitteln ankamen, von denen sie manchmal etwas ergattern konnten.

Diese Ausflüge waren sehr gefährlich, denn immer wieder kam es vor, dass die Russen alle Menschen, die zufällig in einem bestimmten Bereich der Straße waren, einsammelten, um Arbeitstransporte nach Russland zusammen zu stellen. Wir waren immer froh, wenn Mutter und Großvater wieder zu Hause waren.

Ich ging oft zu den Russen und bekam in einem Essgeschirr eine fette Fleischsuppe, die für die ganze Familie reichte.

Wir Kinder erinnerten die Soldaten wohl an ihre eigenen Familien in der fernen Heimat.

 

Rosemarie Rietz

Kriegsende 1945 / Die Stunde der Frauen

Die letzten Kriegsjahre verbrachte ich mit meiner Mutter und meinem jüngeren Bruder bei meinen Großeltern mütterlicherseits im schlesischen Kreis Groß Wartenberg an der polnischen Grenze. Anfang Januar 1945 ließ das Vorrücken der sowjetischen Armee es angeraten sein, die Stadt zu verlassen und den Weg nach Leipzig anzutreten. Die Reise begann bei minus 25° C auf einem offenen Pferdewagen über vereiste Straßen. Mehrmals mussten die Wagen anhalten, weil die Pferde keinen Halt auf den Straßen fanden. Die erste Station war Oels, wo wir in einem Krankenhaus übernachteten. Weiter ging es mit der Bahn nach Dresen und Moritzburg zu einer Freundin meiner Mutter. Hier erlebten wir, wenn auch aus der Entfernung, den Luftangriff auf Dresden am 13./14. Februar 1945, der mir bis heute in Erinnerung ist. Die nächste Station war Riesa an der Elbe. Von einem Fliegerstollen aus erlebten wir den Einmarsch der sowjetischen Armee, die mit viel Schwung und Peitschenknallen ihr neues Gebiet übernahm.

Den weiteren Weg hat meine Mutter mit uns zu Fuß hinter sich gebracht. Mein 1 ½ jähriger Bruder wurde im Kinderwagen geschoben, mit einem Gurt über der Schulter zog meine Mutter einen Handwagen mit unseren Habseligkeiten hinter sich her. Über Torgau gelangten wir nach Wurzen an der Mulde. Hier mussten wir die Grenze zwischen der amerikanischen und der sowjetischen Armee überschreiten. Leipzig erreichten wir an der südlichen Grenze und marschierten durch die ganze Stadt bis nach Gohlis im Norden. Von einem kleinen Park aus konnte meine Mutter erkennen, dass unser Haus nicht zerstört war. Was muss sie ausgestanden haben, bis sie das feststellen konnte. Das Haus stand zwar, die Fenster waren mit Pappe vernagelt, aber die Glasfenster standen unversehrt im Keller. Wir hatten also ein Dach über dem Kopf, im Gegensatz zu vielen anderen Flüchtlingen.

Wie sie die Zeit, mein Vater war in sowjetischer Gefangenschaft, mit zwei kleinen Kindern überlebt hat, nötigt mir bis heute höchsten Respekt ab. Zu Anfang des kalten Winters 1946/47 verlor sie die Marken für die Kartoffelzuteilung. Ein liebenswürdiger Nachbar, mit dem wir noch viele Jahre befreundet waren, versorgte uns mit Kartoffelschalen, die ausgekocht eine Suppe ergaben. Hamsterfahrten in die Umgebung Leipzigs gehörten zum täglichen Brot.

Sie bewältigte das Leben allein, bis am 27. Juni 1947 mein Vater zurückkam. Krank an Leib und Seele. Zwei Jahre verbrachte er in Krankenhäusern. Viele Male musste ich, mit einem Henkelmann bewaffnet, Essen hinbringen - zu Fuß.

1949 konnte mein Vater wieder ins Berufsleben eintreten. Meine Mutter hat wie die Mehrzahl der Frauen die Kriegs und Nachkriegsjahre in eigener Verantwortung bewältigt. Sie traten aus der traditionellen Frauenrolle heraus und lernten Selbstbewusstsein. Damit war es nach Rückkehr ihrer Männer aus dem Krieg vorbei. Diese beanspruchten ultimativ ihre erlernten Rollen zurück und drohten mit Scheidung bei Nichtbefolgung. So erging es meiner Mutter und einigen Frauen aus dem Kreis von Verwandten. Was sollten sie tun? Sei ergaben sich in ihr Schicksal und litten still.

Eigentlich müssten diesen Frauen die Denkmäler errichtet werden, die man den Männern errichtet hat.

Buchtipp: Christian Graf von Krockow „Die Stunde der Frauen“ Er beschreibt die Geschichte der Flucht seiner Familie vom pommerschen Gut Rumbske, jenseits der Oder bei Stolp. Großmutter, Mutter, und schwangere Tochter machten sich auf den Weg nach Westen. Es waren vor allem die Frauen, die für Hitlers Krieg zu büßen hatten. Ihre Tapferkeit und Stärke bei Flucht und Vertreibung ermöglichten das Überleben der Familien.

Nah dran

Herbstbeilage der kfd-Diözesanberbände Berlin, Erfurt, Dresden-Meißen, Görlitz und Magdeburg zur Mitgliederzeitschrift "Frau+Mutter"

Nachhaltig leben. Die neue kfd-Aktionswoche regt zum Nachdenken an.

Nähen gegen Corona. Berliner kfd-Frauen im Einsatz für die Caritas.

Wie steht es um die Freiheit? Das Görlitzer Jahresthema ist jetzt besonders aktuell.

 

 

 

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